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Ausgrabung in Sirkeli

Ich komme gerade von einer Grabungskampagne zurück! Ich war 5 Wochen in Sirkeli (Ceyhan, Adana). Es war das erste Mal, dass ich in der Türkei ausgegraben habe. Ein neues Erlebnis voller spannender und weniger spannender Erfahrungen. 

Sirkeli / Türkei

Grabungsmannschaft

Beim wöchentlichen zusammensitzen am Ende eines schweren Arbeitstages.

Die wichtigste Erfahrung war die Größe des Teams! Wir waren knapp 50 Personen und wurden in Außen- und Innendienst eingeteilt. Gewohnt haben wir in drei Häusern und trafen uns zum Mittag- und Abendessen im Haupthaus, wo es auch ein sehr langsames Internet gab!. Die Größe der Gruppe hat die Kommunikation sehr erschwert, weil meistens in kleinen Gruppen Sachen besprochen und ausgemacht wurden und dann nicht oder kaum weiter gesagt wurden. Außerdem sind nicht alle gemeinsam angereist. Eine Gruppe von 10 Personen, darunter die zwei Grabungsleiter Mirko Novak und Deniz Yasin – Universität Bern – reisten Anfang Juli an. Nach und nach kamen und gingen immer wieder Teammitglieder. Das ist eine logistische Herausforderung: Es muss jedesmal ein Shuttle-Dienst zwischen Flughafen in Adana und Sirkeli eingerichtet werden. Die Häuser müssen belegt werden: Wer wohnt wo und wer teilt mit wem ein Zimmer? Und auch die zwei Köchinnen müssen über die Anzahl hungriger Bäuche informiert werden!

Unser Grabungshaus, wo alle Funde bearbeitet wurden

Ausrüstung

Eine Grabung im Orient bedeutet für Europäer sehr oft Unmengen an Gepäck: Was gibt es vor Ort zu kaufen und was müssen wir aus Europa mitnehmen? Angefangen bei den persönlichen Sachen bis hin zu Laptops, Drucker, Vermessungsgeräte, Fotoausrüstung, Zeichenmaterial (es klingt komisch aber ein guter Bleistift ist nicht leicht zu finden!) und Fundaufbewahrungsmöglichkeiten (mehrere Größen Plastik- und Papiersackerln, Alufolie, Seidenpapier, Schachteln usw…).

Bei den persönlichen Sachen kommt es sehr darauf an wie viel Komfort man haben möchte. Meistens ist die Unterbringung rudimentär: Bettgestell aus Metall oder Holz mit durchgelegener Matratze (wenn überhaupt sonst gibt es nur eine Matratze am Boden!), kleines Holzbrett an der Wand als Regal bzw. Schrank und eine einsame Glühbirne von der Decke hängend. In Sirkeli war es eine Überraschung sogar einen Ventilator und eine Dusche mit heißem Wasser zu haben. Und der pure Luxus war die Waschmaschine im Haupthaus! Die Holzbettgestelle haben wir entweder aufs Dach oder in den Hof verfrachtet und im Freien unter einem Sternenmeer geschlafen. Vorbeifahrende Autos, Züge der Bagdadbahn sowie Katzengemiaule und Hahnengekrähe wurden als Wiegenlied oder als Wecker betrachtet. Diesmal habe ich “nur” eine Isomatte, einen dünnen und einen etwas dickeren Schlafsack, eine kleines Hängeregal aus Stoff, ein Fliegennetz sowie einen Polster mitgenommen! Meistens leben wir aus den Koffern….. Die meisten von uns schlafen, wie gesagt, draußen, nur mit einem dünnen Leintuch. In der Nacht kühlt es kaum ab. Tagsüber haben wir zwischen 34° und 38°. In wenigen Nächten war es viel kälter – ich bin sogar in meinen Schlafsack geschlüpft! Nachträglich habe ich erfahren dass wir nicht weniger als 25° hatten.

Eines der 3 Wohnhäuser: geschlafen wurde draußen oder am Dach

Aufgabenteilung

Erst in der zweiten Woche darf ich endlich raus auf die Grabung. Und das auch nur weil mittwochs Fieldschool ist. Für mich ist das eine weitere neue Erfahrung. Diese Einteilung in Außen- und Innendienst kannte ich bis jetzt nicht. In der Kleinfundbearbeitung gehöre ich zum Innendienst. Das heißt, ich bekomme am frühen Nachmittag alle Funde, die im Laufe des Vormittags ausgegraben wurden. Diese wasche ich, lasse im Schatten oder in der Sonne trocknen und dann geht die Bearbeitung richtig los: ich vermesse sie, beschreibe sie nicht nur in Form und Größe sondern auch in Materialfarbe. Diese wird Dank einer vorgegebenen Skala (die sogenannte Munsell Colour Sheet) entschieden.

Munsell Skala

Die Munsell Skala dient dazu, dass wenn ich helle rot sage jeder auch das gleiche darunter versteht. Manche könnten sich zum Beispiel etwas Dunkles oder etwas Helleres vorstellen. Wenn ich aber den Farbcode eingebe weiß jeder welche Farbe gemeint ist. Wenn die Beschreibung der Funde fertig ist,   wird ein Fundzettel mit Nummer ausgedruckt und dieses Objekt geht weiter zur Zeichnerin und zur Fotografin. Falls das Objekt restauriert werden sollte, dann übernimmt es unsere Restauratorin. Wenn alle mit dem Objekt fertig sind, kommt es wieder zu mir und ich mache eine Endbeschreibung: das heißt ich schaue mir an, ob auf der Zeichnung oder auf dem Foto etwas sichtbar geworden ist, das ich mit freiem Auge noch nicht erkannt hatte und ergänze ggf. die Informationen in der Datenbank. Anschließend wird das Objekt in einem Lager Aufbewahrt.Zeichnung Keramik

Draussen auf der Grabung schaut es ganz anders aus: in der Früh nehmen die Sektorenchefs ihr Material und die Arbeiter auf und gehen in ihre Sektoren. Dort werden  die Ausgrabungen weiter geführt: der Archäologe beziehungsweise Archäologie-Student bzw. Sektorenchef entscheidet wo genau gegraben wird. Die Arbeiter entfernen den Schutt bis zur nächsten Schicht. Der Archäologe beobachtet das Ganze, schaut sich die Funde, die ans  Tageslicht gekommen sind, an. Dann wird die Schicht fotografiert und vermessen. Die Profile (das sind die verschiedene Schichten am Grabungsrand) werden fotografiert und gezeichnet damit eine Schichtfolge erkennbar ist. Die kleinen Funde, also alles was nicht große Keramikstücke sind oder Mauern, bekommen eine eigene Nummer die sogenannte Kleinfundnummer woraus auch erkennbar ist wo dieses Objekt genau gefunden wurde. Das sind die Objekte, die der Innendienst weiter bearbeitet. Am Nachmittag wird alles dokumentiert was am Vormittag auf der Grabung gemacht wurde. Es werden neue Fotos gemacht damit man die Entwicklung der Grabung gut verfolgen kann. Eine Grabung bedeutet Zerstörung! Sobald wir die Schichten abgetragen haben, können wir sie nicht mehr wiederherstellen, deshalb ist die Dokumentation extrem wichtig. Jedes Objekt gibt nur die Hälfte der Infos Preis, wenn es außerhalb des Kontext erarbeitet wird.


Wir arbeiteten von Montag bis Samstag: von 5h30 bis 13h30 mit einer halben Stunde Frühstückspause, nach dem Mittagessen eine Pause bis 16h. Um 19h gibt es Abendessen und dann kann jeder auf seine Art den Abend ausklingen lassen: manche treffen sich und Biertrinken andere schauen sich Filme an, andere wiederum ziehen sich zurück zum Lesen oder gehen schlafen. Die wenigstens sitzen zusammen und reden über Gott und die Welt. Am Samstag hören wir um 13h30 auf zu arbeiten. Meistens werden Ausflüge in die nahegelegenen Fundorte oder größere Städte unternommen. Es bilden sich immer kleine Gruppen, die entweder ein Auto oder Bus mieten und fahren gemeinsam auf Erkundung. Wer nachzählt wird schnell merken, dass es auf Grabungen keine 40h Woche gibt!! Da wir nur eine kurze Zeit (8 bis 10 Wochen im Jahr) ausgraben können, schauen wir, dass wir so viel wie möglich erledigen können.

Ausflug am Wochenende

Suk in Gaziantep


An meinem ersten Wochenende sind wir nach Gaziantep, Karkemish und Doliche gefahren. Im Gaziantep haben wir übernachtet und am Abend ein sehr gutes orientalisches Essen mit Mezze, Shishtawk und gebratener Leber genossen. Übernachtet haben wir in einer kleinen Pension in der Altstadt: Zeynep Hanim Konagi. Kann ich wirklich empfehlen!!! Sie liegt sehr günstig, nicht sehr weit der Gaziantep Burg (die sogenannte Kale) unweit von vielen Geschäften und vom Basar. Es gibt Internet, es ist sauber und das Frühstücksbuffet ist sehr groß. Am Sonntag sind wir mit dem Bus weiter nach Karkemish gefahren. Ich habe es nicht geglaubt bis ich am Parkplatz ausgestiegen bin. Was für ein Abenteuer voller Emotionen… Karkemish liegt direkt an der Grenze zu Syrien. Der Fundort geht über die Grenze, da moderne Grenzverläufe nicht immer den antiken entsprechen. Auf der türkischen Seite befinden sich die Hochstadt und die Vorstadt. In Syrien befindet sie sich die Unterstadt. Die habe ich vor ca. zehn Jahren sehen dürfen.  Damals war der türkische Teil noch Militärsperrgebiet. Auf dem höchsten Punkt der Altstadt ist heute noch ein türkischer Militärstützpunkt. Vor fünf Jahren hat eine japanisches Firma das ganze Areal um den Stützpunkt herum entmient. Eine italienische archäologische Mission finde seit zwei Jahren in Karkemish statt. Ihr Ziel ist das ganze Areal zu säubern und wieder dem Publikum zugängig zu machen und gleichzeitig die Grabungen der Briten um Woolley und T.E. Lawrence wieder aufzunehmen. Die Deutschen bauten zeitgleich die Bagdadbahn, die heute noch z. T. verwendet wird. 

Karkemish: Britisches Grabungshaus


Die Italiener graben derzeit das Grabungshaus der Briten aus. Auch das ist Archäologie.  Die Grabungen fanden zwischen 1911 und 1920 statt. Seitdem hat sich vieles getan auch Kriege! Da ich sehr viel von und über T.E. Lawrence und Gertrude Bell gelesen habe, war es für mich unbeschreiblich schön und emotional vor diesem Haus zu stehen. Ein römisches Mosaik diente den Briten als Wohnzimmerboden und war bis vor kurzem nicht bekannt.

Sehr bewegend war für mich auch die Stadt aus der Eisenzeit zu sehen. Viele Gebäude mit Reliefs wurden durch Woolley und seinem Team ausgegraben. Damals wurden die Funde aufgeteilt: eine Hälfte blieb im Land, die andere Hälfte wurde in das Land der Ausgräber – in diesem Fall Großbritannien – mitgenommen. Transport und Krieg haben dazu geführt, dass vieles zerstört wurde oder verloren ging. Bis vor zwei Jahren dachte die wissenschaftliche Welt, dass einige Reliefs verloren waren. Die aktuellen archäologischen Forschungen der Italiener haben aber gezeigt, dass einige Reliefs noch vor Ort geblieben sind. Es war eine sehr überraschende und positive Wiederentdeckung. Das beste Beispiel ist ein Relief am Watergate.

Karkemish: Bit Hilani

Für mich persönlich war es ein langersehnter Traum das Hilani zu sehen, da ich einige Jahre darüber geforscht habe. Es ist nicht sehr viel übrig dennoch erkennt man die letzte Stufe und die Säulenbasen. Auch der Grundriß läßt sich noch erahnen.

Auf dem Rückweg sind wir in Dülük (Doliche auf Deutsch) stehen geblieben. Der Grabungsleiter, Engelbert Winter, führte uns herum und erklärte die verschiedenen Schwerpunkte der diesjährigen Grabungskampagne. Bekannt ist dieser Fundort für den Kult des Gottes Jupiter Dolichenus! Er war der höchste Gott von Doliche und vorerst über Jahrhunderte nur hier verehrt worden. Warum sich sein Kult innerhalb kurzer Zeit im ganzen römischen Reich verbreitete, bleibt noch rätselhaft. Da ich viele römischen Tempel in der Levante kenne und auch viel über Jupiter Dolichenus gehört habe, fand ich es sehr schön und interessant am Ursprungsort dieses Kultes zu stehen.

Am Ende einer Grabung fallen viele kleine und große Aufgaben an:

Die gut verpackten Funde kommen ins zuständige Museum

Die Funde kommen ins zuständige Museum, dafür muss jedes Objekt inventarisiert werden und in einen LKW untergebracht werden!

Auf der Grabung müssen die ausgegrabenen Bereiche befestigt werden. Das heißt sie werden zugedeckt und die Ränder werden mit Sandsäcken befestigt, damit nichts einstürzen kann.

Auch die Häuser müssen geleert und geputzt werden. Die Betten, Matratzen und das viele Kleinmaterial (Geschirr, Bettwäsche, Ventilatoren usw.) werden.

Erschöpft, glücklich über die erfolgreiche Kampagne, traurig, dass es schon wieder vorbei ist, verbringen wir den letzten Abend im Hotel in Adana. Endlich wieder eine Dusche mit einem guten Wasserdruck, um sich sauber zu fühlen!

01.09.2019

Kategorien: Allgemein | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , | Ein Kommentar

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